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Identität beginnt dort, wo Überleben nicht mehr das letzte Argument ist

Autorenbild: Luisa Sole
Luisa Sole
24. Sept.
5 Min. Lesezeit

*Das ist kein wissenschaftlicher Fachartikel.


Es gibt einen Moment, in dem sich etwas verändert.


Nicht unbedingt spektakulär. Manchmal ist es nur eine Entscheidung, die sich plötzlich anders anfühlt.


Du erklärst dich nicht mehr.


Du rechtfertigst nicht mehr jede Grenze.


Du versuchst nicht mehr, eine Situation so zu gestalten, dass alle anderen mit deiner Entscheidung leben können.


Du entscheidest.


Und genau dort beginnt für mich Identität.


Nicht dort, wo wir endlich wissen, wer wir sind.


Sondern dort, wo Überleben nicht mehr das letzte Argument für unser Handeln sein muss.




Wenn das Nervensystem Abstand braucht


Unser Nervensystem reagiert fortlaufend auf Veränderungen in unserer Umgebung und im eigenen Körper. Unter starker Belastung können sich dabei Aufmerksamkeit, Körperwahrnehmung, Gefühle und das Erleben der eigenen Person verändern.


Manche Menschen beschreiben in solchen Situationen, dass sie sich wie neben sich fühlen. Andere erleben ihre Umgebung als unwirklich oder funktionieren eine Zeit lang wie auf Autopilot.


Solche Erfahrungen können unter den Begriff Dissoziation fallen.


Dabei lohnt sich eine genaue Unterscheidung.


Dissoziation ist kein einheitliches Phänomen. Sie kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein und unterschiedliche Ursachen oder Zusammenhänge haben. Bei manchen Menschen tritt sie im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen auf. Sie kann aber auch in anderen Situationen vorkommen.


Auch die Vorstellung, Dissoziation sei grundsätzlich ein automatischer „Schutzmechanismus“, greift zu kurz.


Gleichzeitig gibt es Modelle, nach denen bestimmte Formen von Distanzierung unter überwältigenden Bedingungen dazu beitragen können, dass intensive Erfahrungen weniger unmittelbar erlebt werden.


Eine Reaktion, die heute problematisch sein kann, muss deshalb nicht immer sinnlos gewesen sein.




Abspaltung ist nicht automatisch Versagen


Wenn ein Mensch in einer Situation wenig Handlungsspielraum erlebt, kann es unterschiedliche Wege geben, damit umzugehen.


Manche ziehen sich innerlich zurück.


Manche funktionieren.


Manche nehmen ihre Gefühle weniger stark wahr.


Manche fühlen sich von ihrem Körper oder ihrer Umgebung distanziert.


Das muss nicht bewusst entschieden werden.


Und es bedeutet nicht automatisch, dass jemand „zu schwach“ ist, eine Situation auszuhalten.


Distanz kann unter bestimmten Bedingungen eine Möglichkeit sein, mit etwas umzugehen, das sich anders nicht bewältigbar angefühlt hat.


Nicht vollständig mit dir verbunden zu sein, um nicht vollständig von dem überwältigt zu werden, was gerade geschieht.


Neben dir zu stehen, statt im Zentrum zu verbrennen.


Das ist eine mögliche Perspektive auf Abspaltung.


Sie erklärt nicht jede Form von Dissoziation und sollte auch nicht jede dissoziative Erfahrung nachträglich mit einer einzigen Geschichte versehen.


Aber sie kann verändern, wie wir auf uns selbst schauen.




Und dann verändert sich die Situation


Das Schwierige ist manchmal, dass Reaktionsweisen nicht unbedingt verschwinden, sobald die ursprüngliche Situation vorbei ist.


Forschung zu Lernen, Stress und Trauma legt nahe, dass Erfahrungen beeinflussen können, wie Menschen spätere Situationen wahrnehmen und auf sie reagieren. Wie genau das geschieht, ist komplex und individuell.


Manchmal reagiert ein Mensch deshalb in der Gegenwart auf etwas, das objektiv gar nicht mehr dieselbe Gefahr darstellt.


Nicht unbedingt, weil er „in der Vergangenheit lebt“.


Sondern weil frühere Erfahrungen beeinflussen können, was in einer aktuellen Situation wahrgenommen wird und wie schnell darauf reagiert wird.


Und genau hier wird Identität für mich interessant.


Denn irgendwann reicht es nicht mehr, nur zu verstehen, warum man etwas tut.


Es wird wichtig, wahrzunehmen:


Ist diese Reaktion für diesen Moment noch passend?


Oder passiert gerade etwas, das ich aus einer früheren Erfahrung kenne?


Neben sich stehen – aber diesmal bewusst


Hier lässt sich zwischen Dissoziation und bewusster Selbstbeobachtung unterscheiden.


Bei Dissoziation kann Distanz mit einem verminderten Erleben von sich selbst oder der Umgebung verbunden sein.


Eine bewusste Perspektive meint etwas anderes.


Du bist da.


Du bemerkst, was in dir geschieht.


Du musst dich nicht sofort mit jedem Gefühl identifizieren.


Du kannst Angst wahrnehmen und trotzdem prüfen, was du jetzt brauchst.


Du kannst Wut wahrnehmen und trotzdem entscheiden, wie du handeln möchtest.


Du kannst merken, dass eine alte Reaktion auftaucht, ohne automatisch davon auszugehen, dass sie dir heute noch die richtige Richtung zeigt.


Du stehst neben dir, aber du verlässt dich nicht.


Das ist ein wichtiger Unterschied.




Selbstregulation bedeutet nicht, nichts mehr zu fühlen


Selbstregulation wird manchmal so verstanden, als müsse ein regulierter Mensch immer ruhig bleiben.


Das wäre eine ziemlich enge Vorstellung.


Auch ein regulierter Mensch kann Angst haben, wütend werden, überfordert sein oder sich zurückziehen wollen.


Selbstregulation bedeutet nicht, dass solche Zustände ausbleiben.


Es geht eher darum, ob zwischen einem inneren Zustand und einer Handlung ein gewisser Spielraum entstehen kann.


Ich bin wütend.


Aber ich bin nicht nur meine Wut.


Ich habe Angst.


Aber die Angst muss nicht automatisch meine Entscheidung treffen.


Ich spüre den Impuls, mich zurückzuziehen.


Aber ich kann prüfen, ob ich gerade tatsächlich Abstand brauche oder ob etwas Altes angesprungen ist.


Dieser kleine Abstand kann Handlungsspielraum schaffen.




Identität ist mehr als eine Geschichte über dich


Wir sprechen häufig davon, unsere Identität zu „finden“.


Als wäre irgendwo in uns ein fertiges Ich versteckt, das wir nur freilegen müssen.


Aus psychologischer und neuropsychologischer Perspektive ist das Selbst jedoch komplexer.


Unser Erleben von uns selbst steht in Verbindung mit Körperempfindungen, Gefühlen, Erinnerungen, Gedanken, Wahrnehmung und unseren Erfahrungen mit anderen Menschen.


Wie genau diese verschiedenen Ebenen zusammenspielen, wird in unterschiedlichen wissenschaftlichen Modellen unterschiedlich beschrieben.


Fest steht: Unser Selbstbild entsteht nicht ausschließlich aus den Worten, mit denen wir uns beschreiben.


Wir erleben uns.


Wir erinnern uns.


Wir nehmen unseren Körper wahr.


Wir reagieren auf andere Menschen.


Und wir beobachten uns dabei selbst.


Identität entsteht damit nicht einfach durch eine endgültige Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“.


Sie zeigt sich auch darin, wie unterschiedliche innere Zustände miteinander in Beziehung bleiben.


Ich kann heute anders fühlen als gestern.


Ich kann mich verändern.


Ich kann mich widersprüchlich erleben.


Und trotzdem kann ein Gefühl von Kontinuität bleiben:


Das bin ich.


Identität braucht Nähe und Abstand


Um uns selbst zu erleben, brauchen wir Nähe zu uns.


Zu unserem Körper.


Zu unseren Gefühlen.


Zu unseren Bedürfnissen.


Zu unseren Grenzen.


Aber Identität braucht ebenso einen gewissen Abstand.


Denn wenn jedes Gefühl sofort zur Wahrheit wird, wird es schwierig, eine Perspektive darauf einzunehmen.


Und wenn wir jedes unangenehme Gefühl sofort abspalten, verlieren wir möglicherweise den Kontakt zu wichtigen Informationen über uns selbst.


Dazwischen liegt etwas Interessantes:


Ich kann fühlen, ohne vollständig überwältigt zu werden.


Ich kann beobachten, ohne mich zu verlassen.


Ich kann mich selbst ernst nehmen, ohne jeden inneren Impuls sofort in eine Handlung zu übersetzen.


Das kann ein Teil von Selbstregulation sein.


Und es kann ein Teil von Identität sein.


Wo Überleben nicht mehr das letzte Argument ist


Vielleicht ist das der eigentliche Wendepunkt.


Wenn eine Entscheidung nicht mehr ausschließlich daraus entsteht, was früher notwendig war.


Wenn du nicht mehr automatisch fragst:


Wie verhindere ich Gefahr?


Wie verhindere ich Ablehnung?


Wie verhindere ich Konflikt?


Wie verhindere ich, dass jemand enttäuscht ist?


Sondern irgendwann auch:


Was will ich?


Was passt zu mir?


Was passiert gerade tatsächlich?


Was möchte ich zulassen?


Was möchte ich nicht mehr mittragen?


Das bedeutet nicht, dass Angst verschwindet.


Es bedeutet auch nicht, dass alte Reaktionsweisen nie wieder auftauchen.


Sie können wieder da sein.


Aber du kannst beginnen, sie wahrzunehmen.


Und zwischen dem, was in dir passiert, und dem, was du daraus machst, kann ein kleiner Abstand entstehen.


Dieser Abstand ist keine Gleichgültigkeit.


Er kann Orientierung ermöglichen.


Du kannst dich sehen, ohne dich zu verlieren.


Du kannst Abstand nehmen, ohne zu verschwinden.


Du kannst Nähe zulassen, ohne dich darin aufzugeben.


Du kannst handeln, ohne dich zu übergehen.


Identität beginnt dort:

Wo Überleben nicht mehr das letzte Argument ist.


Wo du nicht jede Reaktion erklären musst.


Wo du zwischen dem, was einmal notwendig war, und dem, was heute deine Entscheidung ist, unterscheiden kannst.


Dein Werkzeug ist dabei nicht immer ein Gefühl.


Manchmal ist es Perspektive.


Und die kann scharf sein.

 
 
 

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